(Annedore Prengel) In der Wissenschaft der „Angewandten Ethik“ werden Antworten auf die Fragen danach, wie wir handeln sollen, untersucht. In diesem Fachgebiet haben sich Bereichsethiken entwickelt, dazu gehören Medizinethik, Wirtschaftsethik, Sportethik, Medienethik, Wissenschaftsethik, Sexualethik, Tierethik und andere. Sie sind lebenswichtig, denn sie verhandeln und klären angemessene Formen menschlichen Zusammenlebens mit weitreichenden Folgen für die einzelnen Personen und für gesellschaftliche Entwicklungen.

„Pädagogikethik“

Aber in einschlägigen Handbüchern der Angewandten Ethik sucht man vergeblich nach einer „Pädagogikethik“ (so z.B. bei Nida-Rümelin 1996/2005; Knoeppfler 2009; Fenner 2010). Die Wissenschaft der Angewandten Ethik weist im Hinblick auf Pädagogik einen blinden Fleck auf (Krämer-Bagattini 2015). Dies ist überraschend, denn Handlungsweisen von Lehrkräften sind für Kinder und Jugendliche hoch bedeutsam. So können Pädagoginnen und Pädagogen durch ihr Handeln persönliche Entwicklungen ermöglichen oder beschädigen. Sie können Lernen erleichtern oder erschweren. Sie können zur demokratischen Sozialisation beitragen oder ihr entgegenwirken. Das Aufwachsen der jungen Generation wird in modernen Gesellschaften maßgeblich beeinflusst durch die Menschen, die in Kindergärten, Schulen, Hilfe- und Freizeiteinrichtungen lehren, erziehen, betreuen und helfen.

Empirische Studien machen darauf aufmerksam, wie häufig es in schulischen und frühpädagogischen Kontexten zu seelischen Verletzungen durch pädagogische Fachkräfte kommt. So sind ca. einer Viertel aller Interaktionen zwischen pädagogischen Fachkräften und Kindern und Jugendlichen als verletzend einzustufen (vgl. Prengel 2013). Zugleich sind seelische Verletzungen die am meisten ignorierte Form der Gewalt, die Kinder und Jugendliche in pädagogischen Einrichtungen und Schulen erleiden – während Körperstrafen und sexualisierte Gewalt öffentlich beachtet und juristisch geahndet werden. „Wie sollen wir pädagogisch handeln?“ Diese Frage stellt sich allen, die in pädagogischen Institutionen mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Es ist die grundlegende Frage der Pädagogikethik. Die Antworten, die Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte auf diese Frage finden, sind folgenreich.

Obwohl Pädagogikethik als Teildisziplin der angewandten Ethik weitgehend fehlt, finden sich im deutschsprachigen Raum geisteswissenschaftliche Studien zum Themenfeld von Ethik und Pädagogik; sie haben Konjunkturen im 20. Jahrhundert, ausgeprägt in der Schweiz. Ethische Aspekte der Pädagogik wurden als hochkomplexe Phänomene oft in geisteswissenschaftlichen Abhandlungen untersucht (vgl. zusammenfassend z. B. Hügli 1998; Prange 2010). Studien über pädagogische Ethik wurden in ihrer Bedeutung analysiert und gewürdigt (z. B. bei Kopp 2002). Auch wurden sie zunehmend skeptisch – u.a. als in ihrer Normativität unrealistisch oder paradox – auseinandergenommen; das zeigt sich in Publikationen wie zum Beispiel: „Die praktische Irrelevanz pädagogischer Ethik“ (Wigger 1990), „Ethikfalle“ (Berzbach 2005) oder „Ethos des Lehrerberufs: Große Worte – kleine Münze“ (Terhart 2013). Auch in französisch- und englischsprachigen Diskursen werden vor und nach der letzten Jahrhundertwende ethische Fragen der Pädagogik analysiert (vgl. z.B. Peters 1966; Hügli/Thurnherr 2006). Festzuhalten ist, dass gegenwärtig Untersuchungen zur pädagogischen Ethik rar geworden sind. Wenn Sie aktuell eine Rolle spielen, so beziehen sie sich vor allem auf das Themenfeld der sexualisierten Gewalt.

Ethikkodizes

Ethikkodizes bilden eine weitere Textsorte, die im Kontext des Zusammenhangs von Ethik und Pädagogik eine bedeutende Rolle spielen. Sie werden von pädagogischen Berufsorganisationen erstellt, um bildungspolitisch Position zu beziehen und um den Berufsstätigen Orientierungen für fachlich angemessenes Handeln zu vermitteln. Gelegentlich haben auch einzelne Autoren ethische Richtlinien vorgelegt, für die typisch ist, dass sie Einsichten von Einzelpersonen wiederspiegeln (vgl. Beispiele dafür bei Kopp 2002, S. 235-252).

Weltweit sind zahlreiche von pädagogischen Fachverbänden herausgegeben „Codes of Ethics“ zu finden (vgl. Nuland 2009).  Darüber hinaus sind länderübergreifende Deklarationen entstanden. Dazu gehört die „Declaration on Professional Ethics“ der Bildungsinternationale (Education International – EI), eines Dachverbandes von 400 Bildungsgewerkschaften aus 170 Ländern (Erklärung zum Berufsethos, Bildungsinternationale/GEW 2007). Auf europäischer Ebene entstand die „Pan European Platform on Ethics, Transparency and Integrity in Education“  des Council of Europe (2015). Die länderübergreifende Organisation der Eastern Caribbean States verpflichtet Lehrkräfte mit einer „List of Related Documents Developed by Countries“ (OECS 2005, S. 13) auf gemeinsame Regelungen. In Deutschland fehlt es auf nationaler Ebene und in den Bundesländern an einem pädagogischen Ethikkodex, der seelische Verletzungen angemessen in den Blick nimmt.

Eine aktuelle unabgeschlossene Analyse internationaler Ethikcodizes ergibt, dass in diesen Texten Aussagen zu pädagogischen Beziehungen denkbar knapp und allgemein, im Grunde recht oberflächlich ausfallen. Eine bemerkenswerte Ausnahme dazu bildet das Berufsleitbild des Dachverbandes der Schweizerischen Lehrerinnen und Lehrer. In der schweizerischen Standesregel Nr. 9 heißt es: „Die Lehrperson wahrt bei ihren beruflichen Handlungen die Menschenwürde, achtet die Persönlichkeit der Beteiligten, behandelt alle mit gleicher Sorgfalt und vermeidet Diskriminierungen. Die zentrale Maxime ist der unbedingte Respekt vor der menschlichen Würde, die Wahrung der körperlichen und seelischen Unversehrtheit. Zu den verbotenen Verletzungen der menschlichen Würde zählen entwürdigende Strafpraktiken, das Blossstellen von Menschen vor anderen, das Lächerlichmachen und die Etikettierung mit benachteiligenden Persönlichkeits- oder Milieueigenschaften (z. B. dumm, minderbegabt, hässlich, ärmlich, einfach, verlogen usw.)“ (Dachverband 2008, S. 40).

Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen

Die skizzierte Situation zeichnet sich aus durch das Fehlen einer Pädagogikethik, durch einen Mangel an aktuellen Studien zur Pädagogikethik und durch fehlende Aufmerksamkeit für die Beziehungsebene in pädagogischen Kontexten. Vor diesem Hintergrund ist das Vorhaben der „Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen“ entstanden.

Folgende Kennzeichen sind für die zehn Leitlinien der Reckahner Reflexionen charakteristisch:

  • Sie sind empirisch fundiert, denn für alle in ihnen als begründet und als unzulässig benannten Handlungsformen wurde dokumentiert, dass sie in Pädagogischen Praxisfeldern alltäglich praktiziert werden (Prengel 2019).
  • Sie richten sich an Fach- und Lehrkräfte aus allen pädagogischen Berufen.
  • Sie betreffen die Ansprache aller Kinder und Jugendlichen mit ihren je differenten intersektionalen Gruppenzugehörigkeiten.
  • Sie orientieren sich an den Menschen- und Kinderrechten und weisen zentrale Übereinstimmungen mit zahlreichen reformpädagogischen Konzeptionen auf, die ebenfalls menschenrechtlich orientiert sind.

Mit den Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen wird beabsichtigt einige Schwächen älterer Programmatiken zur Ethik in der Pädagogik zu überwinden oder wenigstens zu vermindern. Mit dem Begriff „Reflexionen“ im Titel wird verdeutlicht, dass sie immer auch im Hinblick auf die Einzigartigkeit und Unvorhersehbarkeit pädagogischer Situationen überdacht und modifiziert werden müssen. Damit geht einher, dass sie nicht etwa buchstabengetreu zu realisieren wären, sondern dass es um „genügend gute“ Annäherungen an begründete Handlungsmaximen geht, um Wissen darum, dass Demokratisierung nur immer wieder neu in unvollendbaren Prozessen angestrebt werden kann.

Literatur

Berzbach, Frank (2005): Die Ethikfalle. Pädagogische Theorierezeption am Beispiel des Konstruktivismus. Bielefeld: Bertelsmann

Bildungsinternationale / GEW (2007): Erklärung zum Berufsethos. Online unter: http://www.ei-ie.org/ethics/file/(2007)%20Declaration%20of%20Professional%20Ethics%20de.pdf  (Abrufdatum: 20.1.2018)

Blanck, B. (2012): Vielfaltbewusste Pädagogik und Denken in Möglichkeiten. Theoretische Grundlagen und Handlungsmöglichkeiten. Berlin: De Gruyter Oldenbourg.

Bohnsack, F. (2013): Wie Schüler die Schule erleben. Zur Bedeutung der Anerkennung, der Bestätigung und der Akzeptanz von Schwächen. Opladen u. a.: Budrich.

Council of Europe / 7th Prague Forum (2015): Pan-European  Platform on Ethics, Transparency and Integrity in Education (ETINED). Document on the Ethical Behaviour of all Actors in Education. Online unter: https://www.coe.int/t/DG4/EDUCATION/etined/Etined_EthicalPrincipes_en.pdf (Abrufdatum: 20.1.2017)

Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (2008): LCH Berufsleitbild. LCH Standesregeln. Zürich.

Fenner, D. (2010): Einführung in die Angewandte Ethik. Tübingen: Narr Francke Attempo Verlag.

Heinzel, F. (2004): Traktat vom „schwierigen Kind“ oder pädagogischer Optimismus. In: F. Heinzel & U. Geiling (Hrsg.): Demokratische Perspektiven in der Pädagogik. Wiesbaden: VS, 114-125.

Hügli, A. (1998): Pädagogische Ethik. In: A. Pieper & U. Thurnherr (Hrsg): Angewandte Ethik. Eine Einführung. München: C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, 312-337.

Hügli, Anton / Thurnherr, Urs (2006): Ethik und Bildung – Ethique et formation. Wissenschaftliches Kolloquium vom 4./5. März 2004. Frankfurt: Peter Lang

Kenngott, E.-M. (2011): Ethik im Unterricht. In: R. Stoecker, Ch. Neuhäuser & M.-L. Raters (Hrsg.): Handbuch angewandte Ethik. Stuttgart und Weimar: J. B. Metzler, 215-218.

Knoepffler, N. (2009): Angewandte Ethik. Köln/Weimar/Wien: Böhlau.

Kopp, Bärbel (2002): Pädagogisches Ethos im Wandel. Zum erzieherischen selbstverständnis in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945

Krämer, F. / Bagattini, A. (2015): Pädagogikethik – Ein blinder Fleck der angewandten Ethik. In: Prengel, Annedore / Schmitt, Hanno (Hrsg.): Netzpublikationen der Rochow-Akademie. http://www.rochow-museum.uni-potsdam.de/arbeitskreis-menschenrechtsbildung/netzpublikationen-des-ak-mrb.html (25.10.18)

National Education Association (1975): Code of Ethics. Washington, D. C.: NEA. Online unter: http://www.nea.org/home/30442.htm (Abrufdatum: 1.10.2016)

National Education Association (2016): NEA Handbook, Washington, D. C.: NEA. Online unter: http://www.nea.org/home/19322.htm (Abrufdatum: 1.10.2016)

Nida-Rümelin, J. (2005/1996): Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Kröner.

Nuland, S. van (2009): Teacher Codes: learning from experience. Paris: UNESCO/Int. Inst. for Educational Planning. Online unter: http://unesdoc.unesco.org/images/0018/001858/185872e.pdf (Abrufdatum: 20.1.2017)

OECS (Organisation of Eastern Caribbean States) (2005): OECS Generic Teachers’ code of ethics. Education Reform Unit (OERU) https://www.oecs.org/edu-resources/cat-divisions/div-edmu/oecs-gt-ethics  o.O. (20.3.2019)

Peters, R. S. (1966): Ethics and Education. New York: Routledge.

Pianta, R. C. (2014): “Children cannot be successful in the classroom unless they are successful in relationships” – Analysen und Interventionen zur Verbesserung von Lehrer-Schüler-Beziehungen. In: A. Prengel & U. Winklhofer (Hrsg.): Kinderrechte in pädagogischen Beziehungen. Band 2: Forschungszugänge. Opladen u.a.: Barbara Budrich Verlag, 127-141.

Pieper, A. (2017): Einführung in die Ethik. Tübingen: A. Francke Verlag.

Prange, K. (2010): Die Ethik der Pädagogik: Zur Normativität pädagogischen Handelns. Paderborn: Schöningh.

Prengel, A. (2014): Halt gebende pädagogische Beziehungen in der inklusiven Grundschule In: S. Peters/U. Widmer-Rockstroh, U. (Hg.): Gemeinsam unterwegs zur inklusiven Grundschule. Beiträge zur Reform der Grundschule, Bd. 138. Grundschulverband: Frankfurt, S. 64-72

Prengel, A. (2019): Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz. Opladen u.a. (darin finden sich zahlreiche weitere Literaturangaben).

Prengel, A. und Winklhofer, U. (Hg.) (2014): Kinderrechte in Pädagogischen Beziehungen. Band 1: Praxiszugänge; Band 2: Forschungszugänge. Opladen u.a.: Budrich

Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen, herausgegeben von der Rochow-Akademie Reckahn 2017. http://paedagogische-beziehungen.eu/ (1.3.2018)

Tellisch, Chr.: Lehrer-Schüler-Interaktionen im Musikunterricht als Beitrag zur Menschenrechtsbildung. Verlag Barbara Budrich: Opladen u.a. 2015

Wigger, L. (1990): Die praktische Irrelevanz pädagogischer Ethik. Einige Reflexionen über Grenzen, Defizite und Paradoxien pädagogischer Ethik und Moral. In: Zeitschrift für Pädagogik 36 (1990) 3, S. 309-330. https://core.ac.uk/download/pdf/95429699.pdf (4.4.2019)

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