(von Petra Schmalzl) Im Rahmen meiner Tätigkeit als Kita-Leitung wurde die Methode Videocoaching als Reflexions- und Entwicklungsinstrument für die Sprachförderkompetenz der pädagogischen Fachkräfte entwickelt. Das Instrument lässt sich aus meiner Sicht gut auf pädagogische Interaktionen mit Kindern übertragen. Im Folgenden wird skizziert, wie das praktisch umgesetzt werden könnte.

Die Idee

Pädagogische Fachkräfte werden in einem festgelegten Turnus in einer Alltagssituation für ca. fünf Minuten gefilmt. Der Film wird bzgl. eines bestimmten, im Voraus festgelegten Fokus von der Fachkraft und einem Coach ausgewertet, z.B. der Qualität pädagogischer Beziehungen. Die gewonnenen Erkenntnisse werden schriftlich festgehalten und anschließend in die Praxis umgesetzt.

Die Voraussetzungen

Diese sind unterschiedlicher Natur: Dass die Entwicklung und Einführung eines solchen neuen Konzepts zeitliche und materielle Ressourcen benötigt, ist offensichtlich. Die Übertragung eines bestehenden Konzepts zum Videocoaching ist sicher möglich und spart Zeit für Teamsitzungen in der Konzeptentwicklung, andererseits beraubt einen dies der Möglichkeit, alle Teammitglieder von Beginn an einzubinden. Ein eigens überlegtes Konzept zeigt sich in der Umsetzung sicher auch passgenauer auf die eigene Einrichtung. Andererseits kann man auch bestehende Ideen zu Videocoachingkonzepten so abwandeln, dass sich diese für die eigene Einrichtung einsetzen lassen.

Wenn man einen Eindruck hat, wie, wann und wo gefilmt werden soll, muss man sich auch mit den technischen Gegebenheiten auseinandersetzen, wie evtl. Außenmikrofon oder Stativ. Ebenso benötigt es auch regelmäßige Zeit zum Filmen und zur Reflexion der Videosequenzen. Eine der wichtigsten Voraussetzungen sind jedoch pädagogische Fachkräfte, die bereit sind, sich filmen zu lassen und anschließend gemeinsam mit einem Coach Aspekte ihres Sprach- oder pädagogischen Interaktionsverhaltens hinsichtlich Ressourcen und zu optimierender Aspekte zu reflektieren.

Der Coach

Dieser spielt eine entscheidende Rolle. Es muss entschieden werden, ob eine externe Begleitung erfolgen soll, oder ein kollegiales Coaching anhand der im Vorfeld im Konzept festgelegten Standards. Auch möglich ist, dass eine oder zwei Personen im Team das Coaching übernehmen. Unabhängig davon, von wem diese Stelle gefüllt wird, sollte diese Person über gute Kommunikationsfähigkeiten und eine wertschätzende Umgangsweise mit den pädagogischen Fachkräften verfügen. Idealerweise ist die Person eine Vertrauensperson, der man zutraut, dass sie faire Gespräche führt und die Gesprächsergebnisse aus den Coachings für sich behält. Fachliche Fähigkeiten müssen dergestalt vorhanden sein, dass der Coach im Rahmen einer Filmsequenz einer pädagogischen Situation die geforderten Standards erkennen (bzgl. bspw. Sprache oder Interaktion), diese dann im Dialog mit der Fachkraft reflektiert und Fragen, die die Fachkraft an ihr eigenes Handeln stellt, lösungs- und ressourcenorientiert mit ihr bearbeiten kann.

Die Vorbereitung

Neben den offensichtlichen Vorbereitungen – wie Zeitpunkt und Dauer für das Video, Material, sowie einem Termin für die Reflexion festzulegen, bedarf es einiger andere Vorarbeiten. Die pädagogische Fachkraft muss im Vorfeld überlegen, welcher Aspekt bei der Videobeobachtung im Fokus stehen soll. Das könnte im Zusammenhang mit den Reckahner Reflexionen als Standards, eine anerkennende Interaktionsform, wie bspw. konstruktive Hilfen oder freundliche Kommentare sein (vgl. Zapf/Klauder 2014, S. 162). Der Fokus ist deshalb von großer Bedeutung, weil er der Fachkraft Sicherheit gibt, dass nur auf diesen geachtet wird und nicht auf jede kleine beliebige Handlung. Das entspannt die Situation für die Fachkraft in der für sie neuen Beobachtungssituation enorm. Dieser Fokus wird auch dem Coach mitgeteilt, damit er sich bei der Auswertung darauf konzentrieren kann. Zu Beginn scheint es ratsam für die Fachkraft, sich in Situationen zu filmen (selbst mit einem Stativ) oder filmen zu lassen, die mehr Planungssicherheit als andere bieten, bspw. eine Kreissituation, die besser absehbar ist, als eine freie Spiel- oder Lernsituation. Späteres Ziel ist es jedoch keine zusätzlichen Vorbereitungen für den Filmdreh anzustrengen, sondern den üblichen pädagogischen Alltag aufzunehmen. Ebenfalls möglich ist es, den Fokus auf die Interaktion mit einem bestimmten Kind zu legen.

Auch zur Vorbereitung gehört es, die Kinder zu informieren, dass die pädagogische Fachkraft gefilmt wird, damit sie ihre Fragen zu der neuen Situation stellen können. Viele Kinder sind bereits gewohnt, dass sie selbst während des Spielens beobachtet werden. Für die Kinder ist es evtl. auch von Interesse worauf der Fokus der Beobachtungen liegt – ob es darum geht, dass die pädagogische Fachkraft ihre Sprachförderkompetenz verbessern, oder ob sie heraus finden möchte, wie es um ihre pädagogische Interaktionsaktionsqualität und Anerkennungskultur gegenüber den Kindern steht. Kinder können auf diese Weise in die Feedbackkultur eingebunden werden. Abschließend ein Wort zum Datenschutz: selbstverständlich müssen die Eltern dem Filmen zustimmen – in der Zustimmung ist es ratsam zu betonen, dass es ausschließlich um die Kompetenzen der Fachkraft und nicht um die Beobachtung des Kindes geht. Außerdem sollte den Eltern versichert werden, dass der Film nach der Reflexion zeitnah gelöscht wird.

Die Durchführung

Entweder die Fachkraft filmt sich selbst per Stativ, ein/e Kollege/in oder der Coach tun es. Aus Berichten und eigenen Erfahrungen ist das Beobachtetwerden anfangs für fast jeden eine eher unangenehme Situation, die zu anderem Verhalten als zu dem üblichen führt. Dies gibt sich in der Regel jedoch mit der Häufigkeit des Filmens. Deshalb ist es gut, anfangs viele kleine Sequenzen aufzunehmen und sich daran zu gewöhnen, sich selbst im Unterricht oder in der Kita agieren und sprechen zu sehen. Fünf bis zehn Minuten reichen für eine Sequenz vollkommen aus, idealerweise kann man dies auch an der Länge einer Situation fest machen oder man lässt die Kamera durchlaufen, wenn sie auf dem Stativ steht und wählt später eine Sequenz aus. Bisweilen passiert es, dass man sich vorab einen Beobachtungsfokus überlegt hat, bspw. dass die Fachkraft versucht, auf freundliche Kommentare zu achten, und dies ergibt sich aber nicht in der Sequenz, da sie einen Streit schlichten muss. Das ist nicht weiter tragisch, da man dann seinen Fokus auf andere positive Schwerpunkte lenken kann.

Die Nachbereitung

Unabhängig davon, wie es im eigenen Konzept vorgesehen ist, gibt es unterschiedliche Arten, den Film zu besprechen. Zu Beginn ist es besser face-to-face mit dem Coach. Das heißt, der Coach bereitet die Filmsequenz dahingehend auf, dass er sie analysiert und diese Analyse schriftlich in einem dafür vorgesehenen Bogen festhält. In dem Bogen stehen Datum, Uhrzeit, Name der Fachkraft und des Coachs, sowie die Situation der Aufnahme. Außerdem ist der geplante Beobachtungsfokus vermerkt. Der Coach schaut sich den Film nun bzgl. des Fokus an und vermerkt auf dem Bogen, wann (bei welcher Minute/Sekunde) es gelungen ist, bspw. freundliche Kommentare einzusetzen. Ebenso können andere gelungene anerkennende Momente benannt werden. In der anschließenden Besprechung mit der Fachkraft wird der Film Minute für Minute gemeinsam angeschaut – immer unter den Fragestellungen „Wo ist es gelungen, den Fokus umzusetzen?“, „Wo sieht die Fachkraft weitere Möglichkeiten, in der sie ihn hätte umsetzen können?“, „Welche weiteren Fragen hat die Fachkraft an ihr Handeln“, „Was möchte die Fachkraft noch anmerken?“. Die Antworten zu diesen Fragen werden zusammenfassend vom Coach auf dem Bogen vermerkt. Abschließend wird noch ein Ziel bis zur nächsten Videobeobachtung von der Fachkraft überlegt. Zu Überlegen ist auch, ob ein Ordner angelegt wird, in dem die Fachkraft die Reflexionen sammelt und so ihren Fortschritt beobachten kann. Eine Frage, die sich immer stellt, ist, ob auch nicht gelungene Handlungen der Fachkraft thematisiert werden sollen. Das kommt auf die Vereinbarung mit dem Coach bzw. auf das vorhandene Konzept innerhalb der Feedbackkultur an. Zu Beginn sollte auf jeden Fall die Methode Videocoaching im Mittelpunkt stehen und dann können im nächsten Schritt, wenn die Methode sicher eingeführt ist weitere Reflexionsfragen gestellt werden, wie bspw. „Gibt es eine Situation (unabhängig vom Fokus) in der die Fachkraft hätte besser handeln können?“, „Gibt es wiederkehrende zu verbessernde Muster?“.

Eine weitere Möglichkeit für fortgeschrittene Videobeobachtete ist, dass die Reflexion nur noch auf schriftlicher Basis stattfindet. Der Schritt des gemeinsamen Anschauens und gemeinsamen Reflektierens entfällt. Stattdessen übergibt der Coach die Reflexion schriftlich und ist bei Nachfragen ansprechbar. Die Fachkraft schaut sich den Film alleine mit den Notizen des Coachs an. Dies spart Zeitressourcen, ist aber evtl. nicht so ergiebig wie ein Dialog zwischen den beiden. Das Ganze könnte in dem Fall auch online stattfinden – Film versenden und die Reflexion zurückerhalten.

Die Stolpersteine

„Äußerliche“ Stolpersteine sind sicherlich fehlendes Material oder Zeit. Der größte Stolperfaktor ist jedoch m. E. der Mensch selbst. Es wäre wünschenswert, dass jede/r mit Kinder Arbeitende selbst das Bedürfnis hat, sich regelmäßig kritisch hinsichtlich seiner pädagogischen Qualität zu überprüfen – leider ist dies kein Professionsstandard. Je nach Arbeitgeber sind die pädagogischen Fachkräfte ihren pädagogischen Konzepten verpflichtet und wissen bei der Einstellung, dass die Videobeobachtung Teil ihrer Aufgabe ist. Wie allgemein bekannt, ist Papier geduldig – das heißt die Umsetzung eines solchen Konzeptes hängt stark von der Leitung einer Kita oder Schule ab. Wenn das Videocoaching nicht von der Leitungsebene gefordert wird, die notwendigen Bedingungen wie zeitliche Ressourcen oder eine angstfreie offene Feedbackkultur in alle Richtungen gefördert werden, bleiben die Videocoachings oftmals in den Kinderschuhen stecken oder finden sich bei engagierten Einzelpersonen wieder, denen die Reflexionen wichtig sind.

Geklärt sein muss ebenfalls, dass das Videocoaching nicht als Führungsinstrument genutzt werden darf und die Ergebnisse werden nicht den Vorgesetzten weiter gegeben. Zur Klarheit für die Fachkraft und den Coach muss auch entschieden sein, dass er im Falle eines unerlaubten, nicht angemessenen Verhaltens Kindern gegenüber, von seiner Schweigepflicht entbunden ist. Alle diese Fragen und evtl. Stolpersteine, sollten so gut wie möglich in einem Konzept berücksichtigt oder laufend ergänzt werden. Das erhöht die Sicherheit der Fachkräfte und stärkt das Vertrauen in das Konzept.

Ebenfalls immer wieder fraglich ist, wenn der Coach Verhalten beobachtet, das nicht unerlaubt, aber auch nicht pädagogisch sinnvoll ist. Hier ist zu empfehlen, dass dies mit der einzelnen Fachkraft geklärt wird, ob und wie sie solche Informationen erhalten möchte – solcherlei Fragestellungen und deren Beantwortung sollten auch Teil der Feedbackkultur einer Einrichtung sein.

Der Nutzen

Sich selbst beim professionellen Handeln zu beobachten und daraus die richtigen praktischen Konsequenzen zu ziehen ist ein Schritt, seine pädagogische Arbeitsqualität zu verbessern. Es erhöht das Bewusstsein bzgl. vorhandener Standards (bspw. der Reckahner Reflexionen) und kann einen Abgleich der eigenen Interaktionen mit geforderten Verhaltensstandards in Form der Reflexion mit einem Coach darstellen. Dies sollte einen Veränderungsprozess initiieren, der der Fachkraft zu einer möglichst guten Umsetzung von positiven, lernunterstützenden Verhaltensweisen dient. Letztendlich sollte der Nutzen in einer optimierten Lernumgebung für Kinder in Schule und Kita liegen und somit deren Entwicklung begünstigen.

Die Autorin

Petra Schmalzl ist Fachberaterin für die kommunale Ganztagsbetreuung an Grundschulen. Davor leitete sie für 16 Jahre eine große Kindertageseinrichtung. Nach ihrer Erzieherausbildung hat sie ein Studium der Wirtschaftswissenschaften abgeschlossen und beendet momentan ihren Master in Kindheits- und Sozialwissenschaften.

Die verwendeten Begriffe „Pädagogische Fachkräfte“ oder „Fachkräfte“ meinen jeden, der mit Kindern arbeitet. Der Begriff Coach meint weibliche und männliche Coachende.

Verwendete Literatur

Zapf, Antje; Klauder, Denny (2014): Narrative Feldvignetten in großer Anzahl auswerten – methodische Schritte und Befunde aus empirischen Studien zur Qualität pädagogischer Beziehungen. In Prengel, Annedore; Ursula Winklhofer (Hrsg.). Kinderrechte in pädagogischen Beziehungen. Band 2: Forschungszugänge. Opladen Berlin Toronto: Verlag Barbara Budrich. S. 157-162

Zum Weiterlesen

  • Goltsche, Irene: Anwendungsbereiche des Video-Home-Training VHT, Geglücktes im Bild, Klinkhardt  
  • Hawellek, Christian (2012): Entwicklungsperspektiven öffnen: Grundlagen beobachtungsgeleiteter Beratung nach der Marte-Meo-Methode
  • https://www.spindeutschland.de/index.php
Kategorien: Allgemein